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Vorlage:Geschichte 28

11 Byte entfernt, 20:27, 13. Aug. 2007
Der Zug ratterte an einem verschlafenen Frühlingsnachmittag durch die Vororte von Tokio. Unser Abteil war vergleichsweise leer - ein paar Hausfrauen mit ihren Kindern, einige alte Leute, die Einkaufen gingen. Ich betrachtete geistesabwesend die düsteren Häuser und staubigen Hecken. <br>
An der Haltestelle öffneten sich die Türen, und plötzlich wurde die Nachmittagsruhe von einem Mann gestört, der unverständliche Flüche brüllte. Er stolperte in unser Abteil. Er war von kräftiger Gestalt, betrunken und schmutzig und trug Arbeiterkleidung. Brüllend holte er zum Schlag gegen eine Frau aus, die ein Baby im Arm hielt. Der Stoß schleuderte sie gegen ein sitzendes älteres Ehepaar. Es war ein Wunder, daß dem Baby nichts passierte. <br>
Entsetzt sprang das Ehepaar auf und hastete ans andere Ende des Wagens. Der betrunkene Arbeiter wollte der flüchtenden alten Frau noch einen Tritt verpassen, aber sie war ihm glücklicherweise schon entwischt. Dies machte ihn so wütend, dass er nach einer Haltestange in der Wagenmitte griff und versuchte, sie aus ihrer Verankerung herauszureißen. Ich konnte sehen, dass eine seiner Hände blutete. Der Zug ratterte voran, und die Passagiere waren starr vor Angst. Ich stand auf. <br>
Ich war damals noch jung, ungefähr zwanzig Jahre alt und in ziemlich guter Form. Ich hatte die letzen drei Jahre jeden Tag ungefähr acht Stunden mit Aikido-Training zugebracht. Die Würfe und Griffe brachten mir großen Spaß. Das Problem war, dass meine Fähigkeiten noch nie in einem echten Kampf erprobt worden waren. Aikido-Schüler durften nicht kämpfen. <br>
»Aikido«, hatte mein Lehrer immer wieder gesagt, »ist die Kunst der Versöhnung. Wer Lust zum Kämpfen hat, hat seine Verbindung mit dem Universum abgebrochen. Wenn ihr versucht, andere Menschen zu beherrschen, seid ihr schon geschlagen. Wir lernen, wie man Konflikte löst, nicht, wie man sie verursacht. « <br>
Ich hatte ihm immer aufmerksam zugehört. Ich gab mir sehr viel Mühe. Ich ging sogar so weit, auf die andere Straßenseite zu gehen, um den Chimpera, den Ausgeflippten, auszuweichen, die in der Nähe der Bahnhöfe herumlungerten. Meine Umsicht erstaunte und begeisterte mich selbst. Ich fühlte mich stark und heilig. Insgeheim jedoch sehnte ich eine Gelegenheit herbei, bei der ich die Unschuldigen retten konnte, indem ich die Schuldigen vernichtete. <br>
»Jetzt ist es soweit«, sagte ich zu mir, als ich aufstand. »Hier sind Menschen in Gefahr. Wenn ich nicht schnell eingreife, wird wahrscheinlich jemand verletzt werden.« <br>
In diesem Augenblick hielt der Zug, und ich musste aussteigen. Als die Türen aufgingen, hörte ich den alten Mann voller Mitgefühl mit der Zunge schnalzen. »Oh je«, sagte er, »das ist in der Tat eine schlimme Situation. Setzen Sie sich hierher und erzählen Sie mir mehr darüber.« <br>
Ich wandte mich um und warf einen letzten Blick zurück. Der Arbeiter lag auf dem Sitz ausgestreckt, sein Kopf ruhte auf dem Schoss des alten Mannes. Der alte Mann strich sanft über sein dreckiges, verfilztes Haar. <br>
Ich stieg aus und setzte mich nachdenklich auf eine Bank. Was ich mit Gewalt und Muskelkraft hatte erreichen wollen, hatte ohne Mühe die Liebe erreicht. <br>
<small> - Giving in to Get your Way, Terry Dobson </small>
[[Kategorie:Geschichte]]
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